| Denkanstöße

825 Jahre Hörste

von Holger Teßnow

Prüft alles, das Gute behaltet. In allem sagt Dank, das ist der Wille Gottes, in Jesus Christus, für Euch.“

Liebe Gemeinde!

Unser Dorf feiert Geburtstag. In der Zeitung gratuliert man uns Hörstern zum Dorfjubiläum. Das ist eigenartig und sonderbar. Einen Geburtstag erlebt man normalerweise ja an sich selbst. Entweder ist man jung und man freut sich auf eine neue, spannende Etappe, vielleicht auf die Welt des Erwachsenseins, oder aber die Zeit hat ihre mehr oder weniger deutlichen Spuren hinterlassen, vieles geht nicht mehr, der Saft wird knapp und dann kommen Leute und gratulieren dazu, dass man es bis hierher geschafft hat. Doch wie kann man den Geburtstag an etwas Fremden erleben, an einem Dorf? Das Dorf kann die Glückwünsche schlecht entgegen nehmen. Oder aber man müsste den ersten Bauern und Bäuerinnen gratulieren, den Hurstenern, dass es sie damals gab und dass sie den Zehnten an das Kloster Marienfeld entrichtet haben. „Glückwunsch, Ihr Lieben!“ Doch die ersten Hurstener sind nicht mehr da. Sie sind schon lange entschlafen. Und so überschauen wir heute 825 Jahre, das sind unfassbare 33 Generationen, von denen die meisten miteinander keinen Kontakt haben konnten, denn ab der 5. Generation ist Schluss. Mag sein, dass das Neugeborene noch seine Ururoma flüchtig kennenlernt, aber dann endet die Parzelle Leben, auf der wir alle schwimmen. 825 Jahre in Hörste leben, das ist 825 Jahre in seinen zeitlichen Grenzen leben. Was mit dem heutigen Datum auf uns kommt, das ist das Erbe der langen Tradition. Hier auf diesem Sandhügel, dort, wo wir jetzt sitzen und zuhören, feiert man seit rund 1200 Jahren Gottesdienst, wie die Forschungen ergeben haben. Minden, Bad Salzuflen, Schötmar, Stapelage, Paderborn und dann weiter Richtung Süden, das war der alte fränkische Hellweg, an dem unsere Kirche gegründet wurde. Hier in unserer reformierten Predigtkirche finden die Hörster Ruhe zum Gebet im Alltag und zum Gottesdienst am Sonntag. Nichts lenkt ab. Die Kirche als das älteste Gebäude, das zu Hörste gehört, ist so aufgebaut, dass man mit offenem Gesicht in einem Kreis um den Abendmahlstisch Platz findet.

Alle Besucher lassen sich mit offenem Gesicht in der Gemeinschaft, bei der niemand oben ist oder vorne sitzt, sehen. Es ist eine Gemeinschaft der Gleichgestellten, die sich öffentlich und frei zum Besuch des Gottesdienstes bekennt. In Deckung gehen und abtauchen, das hat überhaupt gar keinen Zweck. Und ich frage mich: Ist der Aufbau unserer Kirche nicht auch ein tragfähiges Bild für unser Dorf Hörste? Wir sind eine Dorfgemeinschaft der Gleichgestellten, die sich mit offenem Gesicht begegnet.

Mit offenem Gesicht, da kann man sich begegnen, mit offenem Gesicht ist man ansprechbar, mit offenem Gesicht lässt es sich am besten feiern. Und wer auch immer sich grüßt und sich auf dem Fest die Hand gibt, und wer auch immer „Prost“ sagt und anstößt, der schaue sich dabei in die Augen! Die Spannung des Augenblicks, wenn Augen ineinander schauen, kann ganz schön reizvoll sein, nicht nur für Verliebte. So lasst uns dank der langen Tradition hineingehen in das Fest, in diese besondere Zeit, wir können nichts für die 825 Jahre, doch sie sind wieder einmal ein Grund zum Feiern!

Vieles wird man aus den alten Zeiten hören in den nächsten Tagen, doch ebenso spannend ist die Frage, wie es weiter geht mit uns. Unser heutiges Gemeinschaftsleben müssen wir meistern, es ist uns aufgetragen, nur wenn wir das angehen, dann helfen wir mit, die Tradition weiterzuführen. Wir lauschen dabei den Worten, die Paulus einer kleinen Gemeinde für die Zukunft auf den Weg gab. Erstens: Prüft alles, das Gute behaltet. Zweitens: sagt in allem Dank! Und der dritte Punkt geht über den Bibeltext hinaus. Er lautet: Wir sind Hörster auf Zeit!

Erstens: Prüft alles, das Gute behaltet. Für die junge Gemeinde, die ja fast gar keine Vergangenheit hatte, besagte dies: Übernehmt nichts ungeprüft. Besprecht alle Formen des Gemeindelebens sorgfältig, habt einen Blick darauf, bevor ihr sie in die Tat umsetzt. Denkt an die Folgen. Haltet euch fern von „Husch husch“, denn das „Husch Husch“ leuchtet nur kurz wie ein Blitz, aber dann ist es verzuckt und verschwunden. Das Gute soll sich hingegen halten.

Das Gute bei Paulus ist das Zusammenspiel aller Kräfte, wobei alle Kräfte und alle Gaben geehrt werden. Vorgesehen hat Paulus auch, dass diejenigen besonders geehrt werden, die sich besonders für die anderen einsetzen. Wie ist das bei uns? Jede Leiterin, jeder Vorsitzende braucht in seinem Kreis Rückhalt, sei es in der AWO, sei es im Roten Kreuz, sei es im RSV, sei es im CVJM, sei es in der Feuerwehr. Verbesserungswünsche sind wichtig, damit das Gruppenklima nicht kippt und nicht giftig wird. Halten wir die Menschen in Ehren, die eine besondere Leitungsaufgabe übernommen haben? Jeder, der leitet, braucht die Ehre der Gemeinschaft, damit es nicht einsam wird.

Prüft alles! Das Prüfen in einer Gemeinschaft mit offenen Gesichtern ist eine gemeinsame Durchsicht der Tatsachen, eine gemeinsame Besprechung der Lage. Denn nur gemeinsam sind wir intelligent. Zum Prüfen gehört dann manchmal auch der Versuch, um ein Prüfergebnis zu haben. Eine Prüfung der Lage kann auch ein Test sein. So hat man getestet, ob sich die ersehnten morgendlichen Brötchen nicht doch aus einem Wagen heraus in der Dorfmitte verkaufen lassen. Prüfergebnis: Die Verkäuferin war wohl ihre beste Kundin, es gibt Brötchen überall, doch das ist doch nicht das Ende der Hörster Visionen! Hier kommt die Dorfentwicklung doch noch nicht ans Ende! Fazit: Nebenan schmeckt es uns Hörstern immer am besten. So sind wir Hörster eben, aber das muss niemanden verzweifeln lassen.

Geprüft hat man auch, den Tanz in die Dorfmitte zu holen, in den Hörster Krug, in die Scheune - und einen kleinen Weihnachtsmarkt zu veranstalten, siehe da: gute Ergebnisse! Das jährliche Dorffest wird seit Jahren auch mit dem Frühstück gut angenommen. Das macht Hoffnung: wir können Feiern! Lasst uns das Gute bewahren! Gut für die Gemeinschaft ist das, was die Generationen verbindet (so zum Beispiel beim Seniorenadvent, wenn Kindergarten, Grundschule, die Eltern und die Senioren im Hörster Krug beieinander sind.) Gut ist das, was langfristig gut ist. Die Erhaltung der Schule, des Hauses des Gastes, der Feuerwehr und des Waldfreibads. Gut ist jeder selbstlose Einsatz für die Gemeinschaft, wenn es heißt: „Ich habe Gaben, wo kann ich mich einbringen, ich kann etwas, wo wird mein Können gebraucht?“

Zweitens: Sagt in allem Dank! Das kritische Prüfen braucht das Danken. Wer prüft, der nimmt nichts als gegeben hin, der fragt immer auch: „Könnte es nicht auch anders sein?“ Wer dankt, der weiß sehr wohl um die Geschenke, die um ihn herum leuchten. Wer dankt, der ist durch und durch dankbar für das, was er bereits hat. Und hier scheint es mir den Hörstern an Selbstbewusstsein zu mangeln. Die Glückseligkeit wähnt man immer dann bei den Nachbarn, wenn die Zeitung gerade positiv über die schreibt. Und ein Hörster denkt, „Mensch, wie kriegen die das alles so schön gebacken?“ Und über diesem schrägen Blick ohne Selbstbewusstsein vergisst man alles, was man selber hat. Wo wohnt das Glück? Wohnt es dort, wo es die Berichterstattung der Lippischen Tageszeitung scheinbar verortet? Nein, es wohnt auch mitten unter uns!

Alle Antworten, die unser Dorf braucht, liegen in ihm selber. Man muss diese Antworten nur heben durch den Hebammendienst, man muss sie herausholen aus dem Verborgenen. Und anstelle des Selbstmitleids hat die Stunde des Dankes längst geschlagen. Leute von außerhalb kommen vor Weihnachten gerne und füllen die Kirche beim Weihnachtskonzert. „Mensch, was habt ihr für Chöre? Ihr habt den Posaunenchor und drei singende Chöre“, die alle auf dem Dorffest auftreten. Und die Leute sagen: „Ich will nicht in die Stadt ins Freibad, ich liebe Euer Waldfreibad. Wie schön das liegt und wie gut, dass ihr es erhalten könnt!“ Ich höre neidische Stimmen über unseren Krug, wo so viele Menschen zusammenkommen. Wo gibt es noch solch einen Krug mit solchen Möglichkeiten mitten in einem Dorf? Viele Gäste lieben unsere Kirche, weil man dort so schön zusammen ist. Bei Taufen und Trauungen kommen sie immer wieder auf sie zurück. Wir haben Außenlokale, die idyllisch liegen, da gibt es Gänse, da gibt es Hirschragout, da gibt es Kaffee und Kuchen. Bei uns ist man Ruck zuck im Wald. Die Senioren kommen vor lauter Programm gar nicht klar. Dienstags Frühstück, Mittwochs Pastor, Donnerstags Rotes Kreuz, Freitags AWO und dazu noch Tanztee und das RSV-Rentnerfrühstück. Schule und Kindergarten liegen direkt nebeneinander, „was habt ihr's gut!“ Die Jugendarbeit in der Kirche, im CVJM, in der Feuerwehr und im RSV läuft, natürlich tut sie es in Schüben, kleine Kinder können in der Gruppe krabbeln gehen, man hört etliche Gesundheitsvorträge und Gedichte im Haus des Gastes und beim Männerfrühstück und wir haben einen unermüdlichen, freundlichen positiven und kommunikativen Koordinator, der alle Vereine und Organisationen immer wieder an den Tisch ruft, der uns alle integriert, der nie böse ist, wenn man mal nicht kommt, Wolfgang Thevis!, wir können überaus dankbar sein für diesen Motor der Dorfgemeinschaft, ebenso für die fruchtbare Verbindung von Kunst und Dorfkultur, die es bei uns gibt. Ferner dürfen wir durch den Sitz der Stiftung Eben-Ezer Menschen mit Behinderungen im Dorf begegnen und ihre herrliche Frische, ihre Dankbarkeit und ihre Ehrlichkeit erleben, ein Gewinn für Hörste! In jedem Alter kann man in Hörste etwas erleben und mit Menschen zusammenkommen. Es gibt überall feine Strukturen, auf die man sich verlassen kann. Man muss sie nicht erst schaffen, sie sind da! Gott sei Dank! Wer so danken kann, und dies sind nur einige Beispiele, der kann die Dinge auch prüfen und getrost nach vorne sehen. Hörste ist das Dorf, das sich an vielen Orten verabredet und trifft.

Schließlich drittens: Wir sind Hörster auf Zeit. Die Bibel sagt durch viele Bilder immer wieder: Wir sind alle Gäste auf dieser Erde. Wie lange wir Gäste sind, das wissen wir nicht. Wir leben gleichsam in Zelten, die Zeltpflöcke sind zum Aufbruch bereit, wenn wir der Stadt entgegengehen, in der wir Heimat haben, der zukünftigen Stadt, die wir suchen, wie die Bibel sagt. Hörste steht auf der Landkarte der vorläufigen Welt, das dürfen wir vom Glauben aus ganz entspannt sagen. Niemand muss hier mit Krallen kämpfen, als ginge es um das Letzte, das wir erleben werden. Trotzdem aber gilt: Unsere Zeit als Hörster auf Erden ist geschenkte Zeit. Und mit dieser geschenkten Zeit steht es uns gut an, das Beste für Hörste zu suchen. Und dies kann geschehen, wenn wir alle etwas Zeit aus unseren allzu gefüllten Terminkalendern erübrigen, um uns für andere einzusetzen, irgendwo in Hörste. Dann machen wir unserer Dorfgemeinschaft das schönste Geschenk, das es gibt. Wir schenken Hörste durch unser Ehrenamt Zeit und Kraft und dann wird sich schließlich mit absoluter Sicherheit das Versprechen der kleinen Samenpowerkugeln in den Tüten erfüllen: Hörste blüht auf!!

Amen.



825 Jahre Hörste (Festpredigt Nr.2)

von Holger Teßnow, gehalten am 7. Juli 2013 im Waldfreibad Hörste

Darum nehmt einander an, wie auch Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ (Römer 15, 7) Amen.

Liebe Gemeinde,

„bitte recht freundlich!“ wird es heißen, wenn wir um ein Uhr heute auf dem Sportplatz miteinander versammelt sind, zum Gruppenbild. „Legen Sie Ihr schönstes Festgesicht auf, das nächste halbrunde Fest ist noch lange hin, so jung kommen wir nie wieder zusammen. Kommen Sie, wir bilden eine 825 ohne Lücken auf dem Rasen, wir rücken zusammen, wir ziehen uns auseinander, wir stimmen uns ab, wir verständigen uns, damit das Bild recht ansehnlich wird!“ Liebe Gemeinde, nur hingehen müssen Sie schon, denn eine 825 lässt sich mit drei Männeken so schlecht ausformen. Kommen zu wenig, dann sieht das alles recht ömmelig aus.

Ja, hier sehen wir es: Ohne Dich als einzelnen, ohne Sie als besondere Person geht alles schief. Du bist Hörste! Auf Dich kommt es an.

„Moment mal“, werden Sie sagen, „Hörste, das ist doch der Fleck auf der Landkarte, das Niederholz, das Gebüsch, wie wir es Freitag gelernt haben. Hörste ist doch ein Dorf mit einer hervorragenden Schlaflage, das ist, wo mein Bett steht, wenn mein müdes Haupt nach harter Arbeit in der Stadt Ruhe braucht, Hörste, das sind die Häuser, die Straßen, die gesunde Luft und die Felder, aber das bin doch nicht ich!“ Falsch gedacht, Hörste, das bist Du selber, das ist die Gemeinschaft der Leute, die die Häuser und die Felder pflegen. Ohne die Menschen, die sich hier niedergelassen haben, würde hier alles auseinander fallen. Ohne Dich, ohne die Menschen, die die Gebäude nutzen, stünde hier bald kein Stein mehr auf dem anderen, denn was sind die Versammlungsräume? Die ortsüblichen Versammlungsräume sind nur Gemeinschaftsräume. Sie stehen da, weil Menschen sich treffen. Sie sind Knotenpunkte unseres Gemeinschaftslebens. Das Sporthäuschen, das Feuerwehrhaus, das Gemeindehaus, das Haus des Gastes, die Kirche, der Hörster Krug, die Fläche des Freibads. Kommt niemand zusammen, geht niemand mehr hinein, dann ergeben auch die Gebäude keinen Sinn mehr. Ungenutzt werden sie nutzlos.

Du bist Hörste! Nimm es an! Hörste kann Dir eine Heimat sein.

Wer kann so etwas sagen, „Hörste ist mir eine Heimat“?

Eine Heimat ist etwas, was von sich aus bindet, weil es schön ist. Wer gegen seinen Willen Jahre lang fest gebunden wird und täglich denkt: „In was für ein Kaff bin ich hier geraten?“, der wird es schwer haben mit Heimatgefühlen. Ein Heimatgefühl ist genau das, was Gudrun Kopp am Freitag beschrieben hat. Nach einer Zeit in der Stadt nimmt sie den Autobahnweg und lässt sich vom Golddörfchen Währentrup schon mal vorbereiten. Beim Blick auf den Teutoburger Wald wird ihr dann ganz warm ums Herz. Haben wir so etwas nach einem langen Urlaub nicht auch schon erlebt? Dass wir gerne heimgekehrt sind? Eine Heimat kann ein Ort sein, wo die vorherigen Generationen schon auflebten, eine Heimat ist ein Ort, wo man ein Netz der Gemeinschaft hat, das einen trägt, wo man eingebunden ist. Sind die altbekannten Freunde weggezogen oder nicht mehr da, dann macht sich auch das Heimatgefühl langsam aus dem Staub. Doch die Wahl der Heimat, der Ort, wo man Wurzeln schlagen will, ist eine lange Zeit frei. Also möchte ich heute mal fragen: Sind Sie Wahl-Hörster, bist Du Wahl-Hörster? In Hörste zu leben, ist das wirklich das, was Sie wollen? Gerard Depardieu ist sich nicht so sicher, ob er noch Franzose sein will, er lässt sich seine Croissants morgens frisch aus Moskau kommen, er ist Wahl-Russe, so wie viele Prominente eben möglichst eine steuerlich günstige Heimat frei wählen und manchmal nicht wissen, wo sie sich zuordnen sollen; eher zur Schweiz oder doch zu Süddeutschland?

Wir behalten die Frage nach unserer Wahlheimat Hörste mal im Hinterkopf.

Ich habe letzte Woche bei der Eröffnung des Dorffestes versucht, den Aufbau unserer Kirche für das Miteinander im Dorf zu übertragen. Die Gemeinde sitzt in der Kirche in einem Kreis mit offenem Gesicht. Da gibt es kein oben und unten, nur Gleichgestellte. Also betrachten wir auch als Dorfgemeinschaft der Gleichgestellten gemeinsam alle Dinge, die zu besprechen sind, mit offenem Gesicht. Wir diskutieren und feiern mit offenem Gesicht. Wir geben uns die Hand und schauen uns dabei an. Heute nun ist es der Glaube und seine Bedeutung für die Kirchengemeinschaft, den ich für das Miteinander im Dorf fruchtbar machen will. Schritt eins: Es kommt auf mich an! Einer sagt willkommen zu mir! Psalm 139 sagt über Gott: „Deine Augen sahen mich, als ich noch unfertig war.“ Gemeint ist der Mutterleib. Da hat also jemand, da hat Gott ein Auge auf mich, seit meiner Entstehung. Und dieses liebende Auge begleitet mich immer. Ich komme auf die Welt: „Schön, dass Du da bist! Herzlich willkommen!“ Beim Glauben geht es immer um mich als einzelnen. Und Gott verhält sich wertschätzend zu mir. Ich komme sozusagen mit einer angenehmen Rückenstärkung hier auf die Erde. Jemand sagt sogleich „ja“. Und jetzt gleich die Übertragung. Ich komme neu ins Dorf: Wer heißt mich willkommen? Wo sind die Nachbarn, die sagen: „Komm, wir stoßen an“, „Jetzt möchte ich mich mal vorstellen?“ Wo sind die Menschen, die sagen: „Schön, dass Du neu im Dorf, in der Gemeinschaft bist, jemanden wir Dich brauchen wir?“ Wo sind die Menschen, die sagen: „So, und jetzt komm erst mal an, jetzt breite dich aus. Wenn Du Hilfe brauchst, ich halte mich bereit!“ Und so ist es der erste Schritt auf dem Weg zu einem annehmenden Dorf, dass Menschen spüren: „Ja, hier darf ich sein. Hier komme ich vor.“ In ganz kurzer Zeit besuchte ich als Elternteil zwei unterschiedliche Schulen. In der einen Schule traf ich nur gebeugte Kofferträger, die an die nächste Stunde dachten und um sich selber kreisten. Keiner hatte mich gesehen. Die Leute waren abgefüllt mit sich selbst. In der anderen Schule kamen sofort Leute auf mich zu, die meinen suchenden Blick sahen und die dann fragten: „Kann ich Ihnen helfen, Sie suchen doch etwas?“ „Ja, vielen Dank, ich wollte nur zum Sekretariat.“ So wie die entgegenkommende Schule mich wahrgenommen hat, so können auch wir die Augen aufmachen und uns wahrnehmen. Schritt zwei: Ich darf alles annehmen, was da ist. Glauben muss ich nie alleine. Ich kann es auch nicht. Jeder, der von Gott willkommen geheißen wird, wird automatisch auch in der Kirche, in der Gemeinde, willkommen geheißen. Schon früh fing man in der Kirche an, vieles miteinander zu teilen. Die Gastfreundschaft war groß geschrieben, man lud sich gegenseitig zur Feier des Abendmahls ein. Wer auch immer neu in der Kirche ankam, der konnte alle Angebote des Glaubens nutzen. Da war immer schon etwas vorhanden, das der neue oder die neue genießen durfte, er konnte einfach dabei sein. Übertragung für uns: In einem annehmenden Dorf darf jeder selbstverständlich alle Angebote nutzen, die da sind. Wir haben das große Glück, ein reiches Angebot zu haben. Wir können Vorträge hören, wandern, schwimmen gehen, die Kinder zum Fußball schicken und selber an die Pille treten, wir können zum Gottesdienst gehen, in die vier Chöre gehen (drei mal singen, ein mal Posaune spielen), verschiedenste Sportarten betreiben, malen lernen und das Malen deutlich verbessern, Stimmungen durch Kunst ausdrücken, wir können tanzen, überall frühstücken, zur Feuerwehr und zum CVJM gehen, die Kinder zum Krabbeln, in den Kindergarten und in die Grundschule geben, Politik machen, essen und trinken gehen, feiern in Hörste und vieles vieles mehr. Wir sind für jedes Lebensalter recht gut aufgestellt, das dürfen wir auch mit Stolz behaupten, bei uns läuft an den verschiedenen Verabredungsorten viel. Wir dürfen wählen und all das annehmen. Meines Erachtens fließt die Vielfalt der Angebote mächtig in ein mögliches Gefühl von Heimat ein. Und schließlich Schritt drei: In der Glaubensgemeinschaft darf ich selber Akzente setzen! Die Vielfalt der Gaben wird in der Bibel immer wieder geschätzt. Wenn damals in den Häusern Gottesdienst gefeiert wurde, brachte jeder etwas mit, ein Lied, eine Geschichte, einen Gedanken, einen Psalm, ein Gebet. Ausnahmslos jeder sollte sich entfalten können und vorkommen können. Genau so soll es auch auf dem Weg zu einem annehmenden Dorf Hörste sein. An vielen Orten soll man sich einbringen können, um etwas zu bewegen.

Jetzt denken Sie wahrscheinlich dasselbe wie ich: „Wo sind denn die Leute, die Schlange stehen, um sich einzubringen? Es ist ja nicht so, dass wir keine Beteiligung zulassen, wir sind ja ständig auf der Suche, neue Leute zu gewinnen, neue Leute zur Beteiligung zu bringen! Wir wollen das Ehrenamt ja stärken, aber immer weniger Leute haben scheinbar Zeit.“ An diesem Punkt könnte jetzt jeder Verein und jede Einrichtung eine Schmerzgeschichte erzählen. Ja, es gibt so viele, die brennen für ihre Sache, doch es fruchtet nicht immer. Die bekannten Gründe müssen wir heute nicht entfalten. Doch, ist es nicht schön, wenn wir uns für größere Veranstaltungen zusammentun und uns gegenseitig stützen, wenn wir kooperieren? Alleine für den heutigen Freibadgottesdienst sind nicht weniger als vier Veranstalter sichtbar. Bei genauem Hinsehen entdecken wir: Es steckt mehr dahinter, als man denkt! Darum, liebe Hörster, nehmt einander an zu Gottes Lob! Das, was Paulus der Gemeinde in Rom zugerufen hat, das können wir uns auch heute sagen lassen: „Nehmt euch gegenseitig an.“ Das gegenseitige Annehmen ist jeweils ein Geschenk, es ist nicht leicht und nie einfach fertig, doch eins ist sicher: Wenn ich mich in einer Gruppe angenommen fühle, dann gewinne ich Sicherheit, dann schlage ich gerne Wurzeln, dann ist meine Bereitschaft zum Einsatz größer. Wenn Hörste immer wieder neu zu einem Dorf wird, das neue Menschen aufnimmt und annimmt, das uns willkommen heißt: „Hier darfst Du sein!“, das uns ein Angebot macht: „Bei uns darfst Du alle guten Strukturen nutzen, die da sind“ und wenn Hörste viele Menschen verlockt, sich ins Ehrenamt einbinden zu lassen, dann müssen wir uns alle keine Sorgen um unser Heimatgefühl machen, dann lasst uns alle mit viel Selbstvertrauen zum Fototermin schreiten, so dass alle Welt sehen kann: „Ich bin Hörste, Du bist Hörste!“

Amen.





Vom Schub, der das Leben bedeutet:
der Tod ist am Ende!

Matthäus 28, 1-10 (Zürcher Bibel 2007)

1. Nach dem Sabbat aber, beim Anbruch des ersten Wochentages, kamen Maria aus Magdala und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. 2. Und siehe da: Es gab ein starkes Erdbeben, denn ein Engel des Herrn stieg vom Himmel herab, kam und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. 3. Seine Erscheinung war wie ein Blitz und sein Gewand weiß wie Schnee. 4. Die Wächter zitterten vor Angst und erstarrten. 5. Der Engel aber sagte zu den Frauen: Fürchtet euch nicht, denn ich weiß, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. 6. Er ist nicht hier, denn er ist auferweckt worden, wie er gesagt hat. Kommt seht die Stelle, wo er gelegen hat. 7. Und macht Euch eilends auf den Weg und sagt seinen Jüngern, dass er von den Toten auferweckt worden ist; und jetzt geht er euch voraus nach Galiläa, dort werdet ich ihn sehen. Ich habe es euch gesagt. 8. Und sie gingen eilends weg vom Grab voller Furcht und mit großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu berichten. 9. Und siehe da: Jesus kam ihnen entgegen und sprach: Seid gegrüßt! Sie gingen auf ihn zu, umfassten seine Füße und warfen sich vor ihm nieder. 10. Da sagt Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht und sagt meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen sollen, dort werden sie mich sehen.


Liebe Gemeinde!

Bescheidenheit ist nicht die Sache des Osterfestes. Wenn Gott kommt, um sein großes Wunder zu vollbringen, dann kann man davon schlecht in gedämpften Tönen reden. Sein großes Wunder?

Aus dem Tod wächst neues Leben!

Der Tod, diese weltumspannende Macht, wird verschlungen von dem Leben, wie Paulus in 2. Kor 5 sagt, sozusagen aufgegessen und verdaut und was von dem bleibt, was einst aufgegessen und verdaut wurde, den natürlichen Gang der Nahrung beschritt, das wissen wir. Zuletzt bleibt nur noch ein Häufchen, ein Abfallprodukt, das es nicht wert ist, vor unseren Augen zu bestehen. Es macht einen schlechten Geruch. Fort damit! So schlecht kann es dem Tod ergehen, wenn er von der Liebe Gottes verschlungen wird. Der Tod ist nicht mehr als ein Schatten seiner selbst. Er ist wie das wilde Tier, das nach dem verlorenen Kampf einfach aufgegessen wird. Weg ist es, kaum noch etwas von da. Beißen? Pah! Da liegt nur noch ein Kieferknochen mit ein paar scharfen Zähnen dran, der zeigt, was der Tod einmal war. Wenn Gott an Ostern kommt, um das Leben voranzubringen, dann darf der Tod nicht mehr mitreden und nicht mehr mitspielen, er hat Eintrittsverbot in der Welt Gottes. So wie die Offenbarung sagt: Und der Tod wird nicht mehr sein. Ein Tod fraß den anderen. Dies ist das Drama von Karfreitag und Ostern.

In der Weihnachtsbotschaft, am Anfang, ging das alles noch etwas bescheidener. Als Kind, so wie Gott in Jesus auf diese Welt kam, konnte er nicht klein genug, zart genug und zerbrechlich genug sein. Denn Gott wurde ein Mensch wie wir. Zerbrechlich. Doch nach Karfreitag, nach der Krönung der Zerbrechlichkeit dieses unschuldigen Menschen, hört es auf, mit dem „Klein, zart und zerbrechlich“. Plötzlich wanken wieder Himmel und Erde; oben und unten geraten in Bewegung wie beim ersten Schöpfungstag und der Himmel bekommt einen wohl bekannten Gast. Der gehorsame Gottessohn, der die Liebe durchbuchstabierte wie kein anderer, kehrt zurück zum Vater. Dies alles scheint, so könnte man meinen, dem Bereich der schönen Theologie und der Verkündigung anzugehören, dem Bereich einer isolierten, heilen Welt irgendwo im Jenseits. Ist da noch von uns die Rede? Kommt die Osterbotschaft noch herunter in diese Welt des Todes, wo man in Syrien mit Scharfschützen auf das Volk schießt, das sich versammelt, wo in Libyen geächtete Streubomben auf Kinder treffen, wo man im Wirtschaftswunderland China kritische Menschen einfach verschwinden lässt - wer weiß, ob sie überhaupt wieder auftauchen? -  wo die Menschen in Japan wieder einmal einem strahlenden Feind ausgesetzt sind, den man nicht greifen kann, ein unsichtbares Gespenst eben?

Komm herunter Gott, und lass es Ostern werden, es darf gerne auch etwas bescheidener sein, etwas kleiner und überschaubarer, aber lass uns niemals ohne Hoffnung sein, Gott!

Doch genau in diese Hoffnung möchte uns die Bibel heute hinein nehmen mit einer Geschichte. Die Geschichte ist phantastisch und rührend und menschlich zugleich. Sie greift ein in unser Leben, wenn wir sie hören. Von vielen Seiten aus gibt sie den Blick frei auf das, was Ostern ist.

Da kommen zwei Frauen aus dem Dunkel heraus. Dunkelheit lag auf den Ereignissen der letzten Tage, die Frauen waren hilflose Zeuginnen der Gewalt, die sich am Karfreitag entlud (sage niemand, die Bibel rede nicht von uns!). Dunkel sieht es im Herzen der Frauen aus, der beiden Marien, ein Trauerweg nimmt seinen Lauf. Noch einmal wollen sie nach alter Sitte das Grab besuchen. Doch dunkel ist es auch noch mitten in der Nacht, ganz früh am Tage, als die Frauen aufbrechen. Zwei betrübte Seelen machen ihren Weg zum Grab. Diese Dunkelheit kennen wir, wenn wir auf den Friedhof gehen um einem Menschen zu besuchen, der nicht mehr für uns da sein kann, so wie er es einst konnte. Doch dann beginnt die Erde zu beben und der Himmel öffnet sich. Alles gerät in Bewegung, oben und unten. Ein Erdbeben zeigt uns Menschen, wie klein wir sind, wenn unser Boden wankt, es versetzt uns in größte Ohnmacht. Ostern bringt das ganze Erdreich ins Wanken, der Himmel öffnet seine Pforten und es steigt eine Engelsgestalt herab. Ein gutes Zeichen, ein böses Zeichen? Die Frauen wissen es nicht. Ihre blitzartige, grelle Erscheinung, weiß wie Schnee, hell wie ein Blitz, verschließt sofort die Augen. Denn vor solch einem Licht geht man lieber in Deckung. Die Wächter, die den Tod bewachen sollen, zittern zunächst, dann verharren sie selbst wie tot. Sie werden starr und können sich nicht rühren. Und der Engel rollt mir nichts dir nichts den Stein zur Seite, den schweren Stein, bei dem sich starke Männer einen abgebrochen haben, um ihn vor das Grab zu wälzen. Danach hatten sie wahrscheinlich Rücken. „So, jetzt haben wir mal etwas Licht in der Grabhöhle!“ Ostern bringt Licht in den Raum des Todes, das wäre getan und dann pflanzt sich der Engel ganz cool auf den Stein und macht sich breit. Ich sehe förmlich, wie er seine Beine herunterbaumeln lässt, wie er die Beine kreuzt, wie er mit den Zehen spielt, wie er das alles genießt, so als säße Pippi Langstrumpf irgendwo hoch oben in einem Baumhaus und will das Wurstbrot auspacken– ist es ein schöner Engel, den wir sehen? Ich hoffe doch!  Schön ist das Plätzchen oben auf dem Stein, der Engel ist oben, die Menschen ducken sich unten. „Was für ein schöner Tag heute, wie geht’s denn so?“ Matthäus zeigt, wie Gott hier gleichsam mit dem Tod spielt, so als wäre er überaus erhaben über den Tod, unter dem wir Menschen doch so zu leiden haben. Doch nun ergreift der Engel das Wort, um dem Unbehagen ein Ende zu machen. Die Soldaten sind allenfalls Mithörer, die Worte des Engels richten sich ganz gezielt an die traurigen Frauen. Fürchtet euch nicht! Ich kenne euch, ich weiß, wer ihr seid, ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier, er ist auferweckt worden, wie er gesagt hat. Ganz langsam gewinnen die Frauen etwas Vertrauen. Da weiß jemand, wer wir sind und er spricht uns zu: Fürchtet Euch nicht! Da kennt jemand mich und alle meine Befürchtungen, meine schlimmsten Befürchtungen. Wie mag es sein, wenn ich mal da unten liege in meinem Grab, wird es dort einsam sein? Manchmal überfällt mich solch ein Gedanke, der ungerufen kommt. Ich stelle mir meine Trauerfeier vor und mache mir Gedanken, wer dort Worte macht und ob ich denn dabei zuhören könnte. Ich weiß dann spontan keine Antwort und denke: doch das jetzt bitte nicht! Meine größte Befürchtung: Mit solchen Befürchtungen hat Ostern zu tun. Und ganz sanft wird auch mir zugerufen: Fürchte dich nicht, ich kenne dich! Ostern greift dort an, als Trostfest, wo meine Ängste am allergrößten sind, wo es nichts mehr ist mit meinem aufrechten Gang, wo nichts mehr geht.

Und dann bekommen die Frauen eine Einladung ins Grab, ganz exklusiv für sie, eine kleine Führung in die Krypta: „Seht her, wo er gelegen hat.“ Die Frauen werden diese Einladung nicht ausschlagen. Sie bekommen ja etwas zu sehen, nämlich, dass niemand mehr da ist. Hier könnte die Erzählung langsamer werden. Es könnte erzählt werden, wie die Frauen, verzagt und vorsichtig ins die Grabstätte gehen und dann sehen, dass wirklich niemand mehr da ist. Andächtig blieben sie stehen und müssen erst mal Luft holen, das geht doch alles so schnell. Doch die Andacht wird nicht geschildert. Stattdessen kommt ein großes Tempo in die Erzählung. Und seht, wo er gelegen hat und macht Euch eilends auf den Weg und sagt seinen Jüngern, dass er von den Toten auferweckt worden ist. Merkwürdig, merkwürdig. Rein ins Grab und ganz schnell wieder raus aus dem Grab. Ein flüchtiger Blick rein und ganz schnell wieder raus. Noch ist nichts begriffen, es war ja keine Zeit für die Meditation. Gebt den Frauen doch mal Zeit, lasst sie doch mal ankommen in der Wirklichkeit von Ostern, aber nein, da werden sie wieder fortgescheucht und zum Zeugendienst gebraucht. Was heißt das? Ostern ist ein Fest, das in Bewegung bringt, das eine freudige Nachricht bringt und diese Nachricht muss sofort raus in die ganze Welt. Da sitzt die Furcht noch im Nacken und die Freude ist schon da. Und so machen sich die Frauen eilends auf den Weg. Voller Furcht und mit großer Freude. Ostern treibt an, Ostern ist die Unruhe, die uns immer wieder den Schub gibt, den Schub, der das Leben bedeutet, den Schub, nicht stehen zu bleiben, auch mit schweren Beinen nicht. Das Hören lohnt sich, es verändert uns und greift als Entscheidung über Leben und Tod ein in unser Leben, die Arbeit in der Kirche lohnt sich, denn hier gibt es neben aller beschwerlichen Pflicht den Rückzugsraum, manchmal hier vor Ort, manchmal in den Kirchen am Urlaubsort, dort kann man Gott ganz neu erfahren! Die Kirche ist ein Raum, in dem man sein kann, wer man ist, ein Mensch mit Befürchtungen, der seine ganze Hoffnung auf Gott setzt.

Mit der Botschaft im Gepäck, die sich noch gar nicht gesetzt hat, die aber taufrisch ist, bürsten die Frauen los, weg vom Grab, so als machten sie einen Sprint. Jesus wollte sich in Galiläa sehen lassen, hatte der Engel gesagt. Erst in Galiläa. Doch dann kommt es ganz unerwartet: Plötzlich, beim Osterspurt kommt ihnen Jesus doch entgegen und sagte mit einem Allerweltsgruß: „Seid gegrüßt“, chairete, das heißt auch: Freut Euch. So als hätte er ein Einsehen mit den armen, gefühlsgeschüttelten Frauen. Liebe Maria, liebe Maria: Und das hier ist nur für Euch, ganz allein für Euch, meine geheime, private Offenbarung nur für Euch. Hier bin ich jetzt alleine für Euch da. Ich zeige Euch meine Wahrheit für einen Augenblick. Nehmt es mit auf Euren Weg. Und die Frauen fallen, es schlägt ihnen die Beine weg, sie greifen nach seinen Füßen, um ihn zu halten, geh jetzt nicht weiter, jetzt bleib doch. Jetzt lass uns ankommen bei dir. Renn nicht schon wieder weg. Jesus bekräftigt das „Fürchtet Euch nicht!“ Wer weiß, wie lange man sich nach Matthäus dieses Ausharren der Frauen mitten im Glück vorstellen soll. Doch wieder nimmt die Geschichte Fahrt auf: Geht und sagt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen sollen, dort werden sie mich sehen. Jesus macht einen Treffpunkt aus, damit viele das Leben begreifen, das nun gekommen ist.

Ein kurzer Zeitpunkt des Glücks hin oder her. Alles war damit für die Frauen entschieden. Die Frauen hatten es nötig. Und die Glücks-begegnung, die ganz persönliche Begegnung trägt durch. Ostern kann es nur ganz persönlich werden, liebe Gemeinde. In einer unübersichtlichen Welt des Todes haben wir alle ein Osterfest nötig, in dem Christus ganz persönlich zu uns spricht. Wir alle sind keine Erscheinungszeugen der ersten Stunde, doch da ist oft ein kleiner Spalt, durch den wir das Licht von Ostern sehen können.

Der Isenheimer Altar in Colmar enthält nur einen ganz kleinen Spalt, wenn er zugeklappt ist. Man steht dann vor dem Bild des Gekreuzigten. Nur wenn man ganz nah heran geht, nimmt man den Spalt war, der einem zeigt, dass der Altar aufgeklappt werden kann. Doch ist er einmal aufgeklappt, sehen wir die Fülle des Göttlichen: Die Ankündigung der Geburt, die Weihnachtsgeschichte, die Auferstehung.

Heute, in allen Erfahrungen gegen den Tod, in jedem Trost, den Gott uns ganz persönlich reicht, damit wir durchhalten in dieser strittigen Zeit, schauen wir Ostern wie durch einen schmalen Spalt hindurch. Doch dieser Spalt genügt, um zu glauben, um ganz fest zu glauben: Ostern ist da. Und was Ostern in seiner Fülle bedeuten wird, wird sich mir erst dann vollends erschließen, wenn meine Kraft am Ende am allerkleinsten geworden ist. Doch ich darf heute schon glauben: Dann ist der Tag gekommen, an dem die Freude am allergrößten sein wird, Halleluja!

Amen.

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| Andacht

Predigt über Epheser 4, 20-32

gehalten im Gottesdienst am 17.10.2010 in der Kirche zu Stapelage durch Pfr. i.R. Herbert Grote

 

Epheser 4,20-32
Ihr habt doch Christus kennengelernt,
ihr habt doch von ihm gehört und seid in ihm unterwiesen,
wie es Wahrheit in Jesus ist.

Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel,
der sich durch betrügerische Begierden zugrunde richtet.
Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn
und ziehet den neuen Menschen an,
der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit,
ein jeder mit seinem Nächsten,
weil wir untereinander Glieder sind.
Zürnt ihr, so sündigt nicht;
Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen,
und gebt nicht Raum dem Teufel.

Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr
sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut,
damit er den Bedürftigen abgeben kann.

Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Munde gehen,
sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist,
damit es Segen bringe denen, die es hören.

Und betrübt nicht den Heiligen Geist Gottes,
mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.

Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung
seien fern von euch samt aller Bosheit.
Seid aber untereinander freundlich und herzlich
und vergebet einer dem anderen
wie auch Gott euch  vergeben hat in Christus.

 

Liebe Gemeinde !

Geht es Ihnen auch so: Eine  Moralpredigt hören wir nicht gern. Wird da doch ein hohes Ideal vor uns aufgebaut, so dass wir uns fragen, ob wir das denn überhaupt erfüllen können. Vielleicht fragen wir auch den, der sie uns hält: Sag mal, hältst du denn das alles, was du uns da predigst?
Zugegeben: dieser Briefabschnitt hört sich so an und doch geht es um etwas ganz anderes. Es geht dem Verfasser des Briefes um den Gegensatz zwischen dem alten und neuen Menschen. Er erinnert die Epheser an ihre Taufe, die damals nur an Erwachsenen vollzogen wurde. Dabei gab es einen richtigen Herrschaftswechsel. In Ephesus wurden viele Götter verehrt nach der griechischen und römischen Tradition. Gewaltige Tempel hatte man zu ihren Ehren errichtet, deren Reste  wir als Touristen heute noch bewundern. Nun baute man so ja nur, weil diese Götter den Menschen etwas bedeuteten. Wurde nun ein Bewohner der Stadt Christ, gab er diese Götter mit ihren Forderungen auf. Deshalb wurde dieser Wechsel bei der Taufe mit einem symbolischen Akt unterstrichen. Der Täufling zog vor der Taufe das alte Kleid aus, das er bis dahin getragen hatte. Und er zog nach der Taufe ein neues Gewand an. Er zeigte damit, dass er nun Jesus Christus gehörte und dessen Gebote beachten wollte. Durch dieses Ab- und Anlegen des Gewandes wurde der Herrschaftswechsel demonstriert. Man konnte ja nun auch den Getauften damit behaften.  Daran erinnert also der Verfasser des Briefes seine Gemeindeglieder in Ephesus und sagt ihnen: Nun lebt auch danach !
Liebe Gemeinde! Ich möchte heute einmal das Bild vom alten und neuen Kleid aufnehmen und mit Ihnen bedenken. Ich mache das anhand von vier Punkten, die mir wesentlich erscheinen:

1  Das alte Kleid, das den alten Leib bedeckt, kann auf Dauer nicht bestehen 
Die alte Haut mit dem alten Kleid tragen wir von Geburt an. Sie kann nicht bestehen sowenig wie der alte Leib. Dieser alte Mensch ist der, der mit Gott nicht wirklich rechnet. Der meint, er brauche Christus nicht und das, was er uns gebracht hat. Dieser alte Mensch meint, er könne auch sein Verhältnis zu Gott selbst regeln, wenn er denn überhaupt mit ihm rechnet. Die Bibel sagt ganz deutlich: Dieser alte Mensch mit seinem alten Kleid ist zum Tode verurteilt. Er verschwindet spätestens im Tod.

2  Aber das neue Kleid liegt bereit und eröffnet auch für den alten Leib eine neue Zukunft
Ich habe bewusst gesagt: es liegt bereit! Denn ich kann es mir nicht selber machen. Das müssen wir heute deutlich machen gegenüber anderen Religionen, die unter uns existieren und die das anders sehen. Nach biblischem Zeugnis machen wir uns dieses neue Kleid nicht, indem wir uns anstrengen. Selbst wenn ich den ganzen Katalog an Forderungen in unserem Text erfüllen würde, auch dann nicht. Nein! Dieses Kleid ist uns von Christus gemacht worden. An anderer Stelle wird es so gesagt: „Christus ist uns gemacht von Gott zur Gerechtigkeit und zur Heiligung!“ Deutlich wird das an dem Geschehen am Kreuz. Da lehnten die Menschen ja den Gesandten Gottes ab. Und trotzdem antwortet Gott auf diese Ablehnung mit dem Neubeginn zu Ostern. Da zeigt er uns, dass er uns trotz allem nicht aufgeben will. So schenkt er uns die Gerechtigkeit, die wir vor Gott niemals haben aus eigener Kraft. Da hat er uns auch die Heiligung geschenkt. „Heilig“ heißt ja nach biblischer Botschaft „Gott gehören“. Und genau diese Zugehörigkeit zu Gott kann ich von mir aus nicht machen, wenn Gott nicht umgekehrt auf mich zugeht. Und genau das hat er uns im Kommen Jesu Christi gezeigt. Das ist also das neue Kleid. Und weil es von ihm gemacht worden ist, liegt es für mich bereit. Es wird mir dargeboten, mehr:   es wird mir bei der Taufe angezogen.
Damit kommen wir zum dritten Punkt, auf dem es dem Briefschreiber hier vor allem ankommt:

3   Nun bewege dich, nun lebe doch in dem neuen  Kleid
Diese Mahnung brauchen wir. Denn der alte Mensch lebt ja noch, auch unter dem neuen Kleid !  Er meint oft, er brauche das neue Gewand nicht. Oder wir ziehen den neuen Mantel nicht richtig zu. Dann aber bläst der Wind des Bösen hinein. Dass die Getauften nicht per se anders oder gar besser sind als die anderen, wird ja am Schluss deutlich gesagt. Da heißt es doch: Vergebt euch untereinander. Wenn das nötig ist, dann sind  doch auch da Verletzungen geschehen und Menschen schuldig geworden. Darum muss man den Menschen, die die Kirche hier so gern kritisieren, indem sie sagen: „Sehen Sie sich doch nur ihre Leuten an! Die sind doch auch nicht besser als die anderen!“  deutlich sagen: Genau deshalb wenden wir uns immer wieder an Gott. Deshalb bitten wir ihn um Vergebung und danken ihm dafür in unseren Gottesdiensten. Und darum wäre es gut, wenn Sie das mit uns täten – oder nicht? Eben: Weil Gott uns in Christus so trägt und erträgt, darum ziehen wir den Mantel wieder um so fester an uns, damit es uns so gelingt - und sei es noch so zeichenhaft und unvollkommen. Mit Hilfe des neuen Kleides gelingt es ja oft, die Lüge abzulegen, faules Geschwätz zu meiden, dem Zorn zu wehren, mit dem Geld richtig umzugehen. Manchmal schützt uns der Mantel ja, manchmal hilft er uns, das Richtige zu tun und unserem Herrn Ehre zu machen.   Damit kommen wir zu einem vierten Punkt:

4    Wir sollen uns mit dem Kleid durchaus auch unter den Menschen zeigen, dazu stehen.
Gewiss nicht als Besserwisser. Die sind unerträglich. Davor müsste uns die Einsicht in die eigenen Fehler schon bewahren. Aber doch in dem Sinn, einer oft verrückten Welt zu sagen, dass sie ohne die Beachtung der Gebote Gottes nicht heil werden kann. In unserem Text wird sehr direkt vom Teufel gesprochen. Wir sind damit ja etwas vorsichtiger geworden . Und doch nennen wir schlimme Dinge „teuflisch“. Im Griechischen steht an dieser Stelle oft das Wort “diabolos“. Das ist  die negative Macht, die alles durcheinander bringt. Die auch die guten Dinge oft in ihr Gegenteil verkehrt. Ich denke, dass uns Beispiele sofort einfallen. Da wird z.B. in den Psalmen der Wein gerühmt. Er kann – wie es da beschrieben ist – das Herz des Menschen erfreuen. Aber der Durcheinanderbringer kann daraus Abhängigkeit, ja Sucht machen, die Menschen zugrunde richtet und soziale Bindungen zerstört. Oder da hat uns der Schöpfer die gute Gabe der Sexualität geschenkt. Sie kann und soll eine Quelle der Freude und des Glücks sein. Aber der Diabolos kann sie in Ausbeutung und Gewalt münden lassen und Kinder damit zutiefst verletzen. Hier in unserem Text wird ausdrücklich vom Geld geredet. Auch das kann natürlich eine gute Gabe Gottes sein, wenn ich mit meiner Hände Geschick oder mit meiner Intelligenz etwas erwirtschaften kann. Ich kann damit mir selbst etwas gönnen und denen, die zu meinem Lebenskreis gehören. Ich kann Bedürftigen davon abgeben. Aber der Diabolos kann aus der Liebe zum Geld die Gier werden lassen, die Banker zu Zockern macht, die so alle Vernunft vergessen und auf diese Weise stehlen in Dimensionen, die wir uns gar nicht vorstellen können. Und die dann – nachdem sie ganze Volkswirtschaften gefährdet haben – auch noch Bonis einklagen. Müssen wir solche Exzesse nicht deutlich benennen – vorher !? Muss da nicht auch die Kirche viel deutlicher reden? Nicht als die Besserwisser, aber als Leute, die vor falschen Entwicklungen warnen und die Regeln einfordern? Ich denke: Auch das gehört zu dem neuen Kleid. Wir sollten uns dessen nicht schämen in der Öffentlichkeit sondern dazu stehen, auch wenn das Widerstand hervorruft.

     Ich möchte hier abbrechen! Es ging uns um das neue Kleid. Sie kennen sicher das Sprichwort: Kleider machen Leute!  Es entspricht ja einer Erfahrung: Mit Kleidern können wir etwas darstellen. Mit Kleidern werden wir wahrgenommen. Mit Kleidern können wir auch etwas verdecken. Das ist ja ein beliebtes Motiv in unseren Erzählungen, Märchen und  Bühnenstücken. Das ist der Kaiser, der ohne seine Kleider seine Macht verliert. Da ist umgekehrt der Hauptmann von Köpenick, der mit einer Uniform, die ihm nicht zusteht,  andere kommandieren kann. Da ist das Mädchen, das Pagenkleider anlegt, damit es seinem geliebten König nahe sein kann. Oder Sie kennen den Film über das jüdische Mädchen Yentl, das Männerkleider anlegt, weil es nur als Mann studieren kann.  Was hatten Männer für eine Angst vor gebildeten Frauen... Hatten ? Oder haben, noch immer?  Nur wie dem auch sei: Irgendwann fliegt ja die Geschichte auf, Die Täuschung wird entlarvt. Das neue Kleid konnte nur für eine Weile etwas anderes darstellen.

     Aber das neue Kleid, das uns Christus geschenkt hat, ist keine Täuschung, kein Spiel. Wir haben es schon bei der Taufe bekommen. Es vielleicht wieder neu festgezurrt in diesem Gottesdienst. So wird es uns Kraft geben, wenn uns die alte Haut darunter Kummer macht. Und es wird uns schützen und hindurch tragen, wenn der alte Mensch vergeht und wird uns in sein Reich begleiten, wo dieses neue Kleid endgültig zu unserer neuen Haut werden wird.
Amen.

 

Herbert Grote

 

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In der Töpferwerkstatt Gottes

„Was folgt nun daraus? Geht es bei Gott etwa ungerecht zu? Gewiss nicht! Denn zu Mose sagt er: Ich werde Erbarmen zeigen, wem ich Erbarmen zeigen will und Mitleid haben, mit wem ich Mitleid haben will. Es liegt also nicht an jemandes Wollen oder Mühen, sondern an Gott, der sein Erbarmen zeigt. Denn die Schrift lässt Gott zum Pharao sagen: Eben dazu habe ich dich auftreten lassen, dass ich an dir meine Macht zeige und mein Name verkündigt werde in der ganzen Welt. Also zeigt er sein Erbarmen, wem er will, und er verhärtet, wen er will. Du wirst mir nun sagen: was beschwert er sich dann noch? Wer kann sich denn seinem Ratschluss widersetzen? O Mensch, wer bist du eigentlich, dass du mit Gott zu rechten wagst? Wird etwa das Werk zum Meister sagen: Warum hast du mich so gemacht? Hat denn der Töpfer nicht Macht über den Ton? Kann er nicht aus demselben Stoff das eine Gefäß zu einem Gefäß der Ehre, das andere aber zu einem Gefäß der Schande machen? Wie aber, wenn Gott seinen Zorn zeigen und seine Macht kundtun wollte und deshalb die Gefäße des Zorns, die zum Verderben bereit gestellt sind, mit viel Geduld ertragen hätte um den Reichtum seiner Herrlichkeit sichtbar zumachen an den Gefäßen seines Erbarmens, die er zuvor für die Herrlichkeit bestimmt hat, … Die er nun berufen hat, und das sind wir, die stammen nicht nur aus den Juden, sondern auch aus den Völkern.“ Amen.

Römer 9, 14-24, Zürcher Bibel 2007

 

Liebe Gemeinde!

Nein, kein Amen, liebe Gemeinde! Normalerweise beschließen wir die Lesungen der Bibeltexte mit einem Amen. Wahrlich, gewiss. Dieses Amen steht immer dann, wenn ein Gedanke abgerundet ist, wenn er zu Ende gedacht ist. Doch unser heutiger Predigttext ist noch kein fertiges Gebäude, der Gedanke ist noch nicht zu Ende. Das Werk ist noch nicht vollendet. Unser Predigttext ist eine Zwischenetappe auf dem langen Gedankenweg Römer 9 bis 11. Es geschieht etwas ganz Ungewöhnliches in ihm, nämlich: Paulus, ein Mann geschliffener Worte, ein Meister des Wortes, er bringt den vorletzten Satz nicht zu Ende. Mitten im Satz bricht er ab: „um den Reichtum seiner Herrlichkeit sichtbar zu machen an den Gefäßen seines Erbarmens, die er zuvor für die Herrlichkeit bestimmt hat, .... Hier setzt eine Pause ein, ein tiefes Schweigen. Weiß Paulus nicht, wie er den Satz vollenden soll? Handelt es sich um eine wohl platzierte Pause, so wie bei einem Musikstück, eine Pause, die die Spannung nach oben treibt, bevor die Spannung sich entladen hat?

Da ist eine Atempause im Text enthalten.

Da werden die Worte unterbrochen, um dem Schweigen Raum zu geben.

Liebe Gemeinde, dies entspricht genau dem gewichtigen Thema des Textes. Luther sagt, es handele sich um ganz schweren Wein, der uns mit diesem Text eingeschenkt wirkt: Die große Freiheit Gottes.

Ist Gott etwa ungerecht? Ist Gott gerecht?

Im Laufe eines jeden Lebens wird diese Frage gestellt. Sie wird ganz lebensnah gestellt, immer dann, wenn wir auf unbegreifliche Weise getroffen werden, wenn wir heimgesucht werden von großem Unglück. Nur wenige Strahlemänner entgehen dieser Frage im Blick auf ihren eigenen Leib, doch innerhalb der Familie nagen diese Fragen dann doch. Wir wüssten Bücher darüber zu schreiben. Ist Gott gerecht? Jetzt trifft mich diese Krankheit, jetzt wirft sie mich zurück; Es ist so, als ob da ein übermächtiger Daumen über meinem Krankenlager ruht, der mich mit Gewalt nach unten drückt, immer wieder drückt und ich krieg diesen gewichtigen Daumen nicht weg. Ich erhole mich nicht mehr, meine Lebenskraft versiegt, ich schaue in den Spiegel und erkenne mich nicht wieder. Ist Gott gerecht, womit habe ich das verdient?

Wir könnten Bücher über das Schweigen schreiben, wenn uns diese Frage wirklich einholt; schnelle Antworten sind uns verdächtig. „Liebe Verwandte, Freunde und Nachbarn, spart Euch Eure Sprüche, verschwendet Eure Worte anderswo, bei den Gesunden, die ganz gut mit Sprüchen auskommen, ich halte es jetzt lieber mit dem Schweigen!“ Ist Gott gerecht? Womit habe ich das verdient? Ist das nicht verdächtig, dass diese beiden Fragen aneinander gekoppelt sind? Kann man Gesundheit und Glück verdienen? Nein! Alle wissen: das kann man nicht, doch trotzdem kommen wir aus diesem Muster nicht heraus: „Ich habe doch immer gut gelebt“, „ich war doch immer treu“, „ich habe keinem Weh getan“ (was natürlich eine Lüge ist. Woher wissen wir denn, wem wir Weh getan haben?). Irgendwie denken wir, durch gute Lebensführung verdienen wir auch ein gutes, gesundes Leben.

Wir handeln gut, also soll auch unser ganzes Leben wohl geraten. Wenn das nicht im Einklang steht, wenn wir gut handeln und trotzdem schwer krank werden oder großen Misserfolg erdulden müssen, dann empfinden wir das als furchtbares Unrecht.

Aber jetzt müssen wir auch gerecht sein: Denn das Glück kann auch ungerecht sein zu unseren Gunsten! „Schatz, womit habe ich dich verdient, ich bin immer so quengelig und so ungeduldig, doch du bleibst immer ruhig und gelassen; du bist so anders als ich. Beim kleinsten Wehwehchen schreie ich auf, doch du trägst deine Leiden mit Fassung; du bist viel stärker als ich, so anders als ich, womit habe ich dich verdient?“ Womit verdient der Lottospieler seine Millionen und die anderen nicht? Womit verdient der plumpe Grobmotoriker diese grazile, feine Frau? Wieso sind manche Paare so verschieden und wir fragen uns: Womit hat sie den denn verdient? Womit verdient man denn den 75. Geburtstag bei guter Gesundheit? Es gibt so viel ungerechtes Glück auf dieser Erde, so viel unverschämtes Glück. Wir nehmen es hin und fragen nicht: Womit habe ich das verdient, ist Gott nicht ungerecht?

Ist Gott ungerecht? Antwort: Er zeigt sein Erbarmen, wem er es will und er hat Mitleid, mit wem er Mitleid haben will. Mose durfte die Herrlichkeit Gottes von hinten sehen, der Pharao musste verstockt bleiben, damit die Macht Gottes an ihm offenbar würde. Gott kann mit dem, was er hat, tun, was er will. Bist du neidisch, weil ich so gütig bin? So endet das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg.

Gott hat Erbarmen mit dem einen, er verhärtet, wen er will. Ja, wenn das so ist, könnte man schließen, dann kann sich ja sowieso niemand Gott widersetzen, dann kommt sowieso alles, wie Gott es will. Was beschwert sich Gott dann noch? Soll er sich doch über sich selbst beschweren, von nun kann jeder leben, wie er will! Antwort: „O Mensch, wer bist du eigentlich, dass du mit Gott zu rechten wagst? O Mensch, hier kannst du gar nicht mitreden!“ Und was jetzt kommt, ist gewiss nicht befriedigend für uns: Wird etwa das Werk zum Meister sagen: „Warum machst du mich so?“ Könnte ein Gefäß aus Ton zu seinem Erschaffer sagen: „Warum bin ich so?“ Nein, das geht nicht, das Gefäß kann ja noch nicht einmal sprechen. Es spielte, im modernen Bilde gesprochen, noch nicht einmal in einer Liga, die der Kreisklasse vergleichbar ist, während Gott in der Champions-League spielte, nein, mehr noch: Gefäß und Schöpfer spielen nicht dasselbe Spiel, sondern sie sind Teil einer jeweils anderen Welt. Das Gefäß hat keinen Willen und keine Gestaltungskraft. Es ist nur rohe Masse in der Hand des Künstlers. Wie sollte es jemals mit ihm ins Gespräch finden? Wie sollte es sagen können: „Warum machst du mich so?“

Sondern das Gefäß ist nur deshalb da, weil der Schöpfer es so wollte. Es ist nur deshalb ein Gefäß und nicht ein klumpen Lehm oder Ton, weil der Schöpfer ihm Gestalt gab.

Also: Jeder Mensch ist durch und durch abhängig von Gott, dies gilt es erstmal zu erkennen. Der wohlgestaltete, schöne Mensch und der nicht so ansehnliche Mensch sind abhängig von Gott. Der gebildete und der gesunde Mensch ebenso wie der Ungebildete und der an einer Krankheit Laborierende. Jeder Mensch ist so abhängig von Gott wie ein Tongefäß von seinem Meister. Es geht hier gar nicht um gute Taten, es geht nicht um unser Streben, bei Gott gibt es nichts zu verdienen. Das Gefäß kann gebraucht werden, dazu ist es da, das Gefäß kann Gott nichts geben, wofür er sich bedanken müsste.

Jetzt gibt es Gefäße des Zorns, die wollen gleichsam nicht gebraucht werden von Gott. Das sind all die Adressaten des Evangeliums, die nichts von der Gnade hören wollen. Das sind alle, die dem Evangelium widerstehen; Juden und Heiden. Gefäße des Zorns sind alle komischen Menschen, die lieber auf eigene Werke setzen anstatt auf Gnade, weil sie ganz in ihren Werken zuhause sind, weil sie glauben: Meine Werke geben mir etwas, weil ich wenigstens weiß, was ich getan habe, wenn ich sie betrachte, meine eigenen Werke sind mir lieber als fremde Gnade, als Abhängigkeit! Doch diese Gefäße des Zorns sollen nicht vergehen, sie werden mit großer Geduld ertragen, damit Gott den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen des Erbarmens sichtbar machen kann …. Hier bricht der Satz ab, denn der Gedanke ist noch nicht vollendet. Denkt man ihn zu Ende, schaut man auf das Ende von Römer 11, dann sieht man: Wir alle sind Gefäße des Zorns, entartete Gefäße, die zu Gefäßen des Erbarmens umgeformt werden sollen, dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme. Am Kreuz, da leuchtet das eine große Gefäß des Zornes auf, Gottes Sohn, an dem sich die Wucht der Schuld entlädt. Er bringt die Wende für die ganze Welt. Die Wende zum Erbarmen hin!

Und jetzt gehen wir wieder hinein in die Töpferwerkstatt Gottes und wir sehen ihn unablässig am Wirken. Er formt Gefäße des Zorns um, er formt unablässig Gefäße des Erbarmens. Wie weit kommt er? Sehr weit. Er kommt bis zu allen Menschen. Er will sich aller erbarmen. Ja, er kommt selbst bis zu den Toten, auf dass er sich aller erbarme! In Gott sollen sie leben. „Ich lebe und ihr sollt auch leben!“ Er formt immerfort neue Gefäße des Erbarmens, selbst unter den Toten, unter den Ermordeten von Buchenwald ebenso wie unter den friedlich Entschlafenen. Gott kommt zu den gequälten Kindern, in ihm sollen sie leben. Er kommt zu deinen Eltern und Großeltern. Unaufhörlich formt er seine Gefäße des Erbarmens. Kommt er zu den Tätern auch? Wird er seinen Weg auch dorthin finden? Wir sollten es ihm zutrauen. „Weg hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dir's nicht“ (P. Gerhardt, Befiehl du deine Wege, EG 361, V. 4) Wie weit wird er kommen? Sehr weit. Bis in jede Vergangenheit hinein, bis zu Bonhoeffer und Luther, bis zu Maria und bis zu Judas, dem verzweifelten Verräter. Gott ist der Gott der barmherzigen Verwandlung, er ist der Meister von Anfang an. Er ist der Gott des Erbarmens. Über seiner Werkstatt flattert die weiße Fahne des evangelischen Anarchisten. Was wir gedachten böse zu machen, er stellt es auf den Kopf, er wendet es ins Leben in seiner großen Töpferwerkstatt des Erbarmens.

In einem Traum leuchtet mir der Name dieser Baustellenstadt, dieser Werkstatt, in der immer das Licht brennt, auf.

Sie heißt Sonntagsgottesdienst! Durch sein Wort formt er Gefäße des Erbarmens an dieser kleinen Gemeinde hier vor Ort. Ich fragte den Meister: „Aus dieser versammelten kleinen Gemeinde, formst du da wirklich Gefäße des Erbarmens?“ Der Meister ließ sich aber nicht in der Arbeit unterbrechen, die Arbeit sollte nicht ruhen. Er sah mich nur an, als wollte er sagen: „Dasselbe hast du mich nun schon so oft gefragt. Du verstehst es ja doch wieder nicht, es ist zu schön für dich.“ Ich setze beharrlich nach: „Liebst du eigentlich diese Gemeinde?“ Der Meister hatte keine Lust zu reden und brummte nur. „Brummst du zustimmend oder ablehnend?“ fragte ich. Da brummte er noch mal, ich glaube zustimmend - Ja! „Weg hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dir's nicht, dein Tun ist lauter Segen, dein Gang ist lauter Licht. Dein Werk kann niemand hindern, dein Arbeit darf nicht ruhn, wenn du, was deinen Kindern ersprießlich ist, willst tun.“
Amen.